Direkt zum Inhalt

Lebensbedingungen im Lager

Zu Beginn des Jahres 1941 bestimmte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich per Erlass, die Konzentrationslager in drei Stufen einzuteilen. Das Lager Mauthausen erhielt als einziges KZ die Lagerstufe III. Diese schlechteste Kategorie war vorgesehen "... für schwerbelastete, unverbesserliche und auch gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale, das heißt kaum noch erziehbare Schutzhäftlinge". 

Der Lageralltag war von permanenten Schikanen, Demütigungen und Quälereien geprägt. Eine würdelose, wertlose Nummer - so sollten sich die Häftlinge fühlen. Sie hatten sich jedem Befehl unterzuordnen und SS-Männer - und auch manche Häftlingsfunktionäre - besaßen eine schier unerschöpfliche Phantasie im Erfinden neuer Qualen. Die Häftlinge mussten nach der schweren Arbeit oft noch stundenlang strammstehen oder exerzieren und Beschimpfungen und Misshandlungen aller Art ertragen.

Unterbringung und Bekleidung

Die Häftlinge im Lager Mauthausen waren in 14 Baracken untergebracht. Jede war rund 52 Meter lang und 8 Meter breit, jeweils in Stube "A" links und Stube "B" rechts unterteilt und für 300 Häftlinge bestimmt. Jede Stube bestand aus einem Schlaf- und einem Aufenthaltsraum. In letzterem stand jeweils ein kleiner Ofen. Geschlafen wurde in zweistöckigen Holzbettstellen, wobei sich häufig zwei Menschen ein Bett teilen mussten. Zwischen den Stuben befanden sich ein Toilettenraum, ein Waschraum und eine Kammer für Brennmaterial. In den Baracken herrschte eine schikanöse Ordnung und Reinlichkeit. Böden und Wände mussten täglich geschrubbt, die Betten mit den Strohsäcken und armseligen Decken akkurat gebaut werden, manche Baracken durften nur barfuß betreten werden. Die Außenlager entsprachen diesem Muster.

Bis etwa Sommer 1943 trug das Gros der Häftlinge (mit Ausnahme der sowjetischen Kriegsgefangenen) blau-grau/weiß längsgestreifte Drillichanzüge. Dann wurden auch alte Uniformen feindlicher Armeen ausgegeben und 1944 schließlich die Kleider der Verstorbenen verteilt oder Zivilkleidung getragen. An den Füßen trugen die Häftlinge Holzpantoffeln, später Stoffschuhe mit Holzsohlen, die Todeskandidaten Stofffetzen. Im Winter erhielten manche im Steinbruch oder anderweitig im Freien Arbeitende zusätzliche Winterkleidung wie Mäntel, Mützen etc. Als ab Herbst 1944 die Neubeschaffung von Kleidung praktisch unmöglich geworden und der Verschleiß der Kleider beim Einsatz im Stollenbau noch zusätzlich sehr hoch war, ging die Mehrzahl nur noch in Lumpen gehüllt.

Verpflegung

Ab 1. August 1940 galten für alle Häftlinge sämtlicher deutscher Konzentrationslager zentral festgelegte Verpflegungssätze. Diese wurden allerdings selten eingehalten und insbesondere im Lager Mauthausen litten die Häftlinge extrem an Hunger. Bis die wenigen Lebensmittel überhaupt zur Ausgabe an sie gelangten, bediente sich die gesamte Lager-SS an den wertvolleren Bestandteilen, danach die Funktionshäftlinge und Capos und schließlich "organisierten" (d.h. entwendeten) die in den Magazinen, Küchen- und Transportkommandos Beschäftigten noch einen Teil davon.

Wer sich nicht irgendwie, z.B. durch Einkauf in der Kantine, welcher jedoch nicht allen Häftlingen gestattet wurde, oder über Häftlinge des Arbeitskommandos in der Küche zusätzliche Nahrungsmittel beschaffen konnte und auch keine Lebensmittelpakete von Angehörigen erhielt, hatte nur minimale Überlebenschancen. Der tägliche Ernährungswert der meist zu körperlicher Schwerstarbeit Gezwungenen betrug um die 1.500 Kalorien, gegen Kriegsende waren es nur noch 600 bis 1.000 Kalorien. Hans Maršálek beschreibt sehr eindrücklich die drei Stadien des langsamen Verhungerns und das Ende: "Man lag oder stand, sprach leise - und verlöschte plötzlich wie ein Licht." 

Die chronische Unterernährung hatte eine Reihe von Krankheiten zur Folge, doch den Kranken erging es hinsichtlich der Verpflegung noch schlechter. Auf Befehl des Lagerkommandanten Franz Ziereis erhielten diese ab 1942 nur noch die halbe Lagerkost.

Lagerstrafen

Neben den alltäglichen Schikanen und Misshandlungen kam ein offizieller Katalog mit Ordnungs-, Arrest- und Körperstrafen sowie Dunkelarrest zur Anwendung. Zu den Ordnungsstrafen gehörten Essensentzug, Strafarbeit und das Verbot, Briefe zu schreiben und zu erhalten. Die mit Abstand schlimmste Ordnungsstrafe war die Einweisung in die Strafkompanie, in der die Häftlinge bis zu 50 kg schwere Granitblöcke auf dem Rücken und unter den Schlägen des Wachpersonals die 186 Stufen der "Todesstiege" hinauf aus dem Steinbruch zu den Baustellen des Lagers tragen mussten.

Die Arreststrafen waren meist mit Stockschlägen oder Peitschenhieben mit dem Ochsenziemer verbunden. Die Anzahl der Schläge lag zwischen fünf und 75. Waren es mehr als 25 Schläge, musste der Häftling, egal welcher Nationalität, laut auf Deutsch mitzählen. Unterlief ihm ein Fehler, wurde von vorne begonnen. Der verschärfte Arrest wurde in einer engen Dunkelkammer vollzogen, ohne Möglichkeit sich hinzulegen oder zu sitzen.

Häufig angeordnet wurde das sogenannte Tor- oder Strafstehen, was für die betroffenen Häftlinge tage- und nächtelanges Stehen in der Nähe des Lagertores bedeutete, während sie von vorbeigehenden SS-Männern „zum Spaß“ geschlagen oder getreten wurden. Eine der schlimmsten Körperstrafen war das „Pfahlhängen“. Dem Häftling wurden die Hände mit einem Strick auf dem Rücken zusammengebunden. Dann wurde er mit diesem Strick am Querbalken einer Baracke in etwa 2 Meter Höhe aufgehängt, so dass der Körper frei in der Luft schwebte. Diese Tortur war ungeheuer schmerzhaft und führte nach circa 30 Minuten zur Bewusstlosigkeit.

Arbeitsbedingungen -einsätze

In den Anfangsjahren 1938/39 waren die Häftlinge hauptsächlich mit dem Lageraufbau beschäftigt. Ab Herbst 1939 bis Herbst 1943 arbeiteten sie überwiegend in den Steinbrüchen der DESt.

Im April 1938 hatte die SS-Führung das Unternehmen „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ (DESt) gegründet. In Mauthausen betrieb die SS den Steinbruch "Wiener Graben", im nahegelegenen Gusen weitere Steinbrüche. Hier sollte der hochwertige Granit vor allem für den Ausbau der "Führerstadt" Linz abgebaut und bearbeitet werden. Die „Granitwerke Mauthausen“ sollten sich in der Folge zur größten und ertragreichsten Niederlassung der DESt entwickeln. Im Winter 1942/43 waren fast 5.000 Häftlinge in den Steinbrüchen um Mauthausen eingesetzt. Die Arbeiten befehligte ein SS-Kommandoführer, der ausschließlich dem Lagerkommandanten verantwortlich war. Die einzelnen Arbeitskommandos wurden von verschiedenen Capos beaufsichtigt. Teilweise waren auch zivile Vorarbeiter in den Steinbrüchen beschäftigt.

Die tägliche Arbeitszeit betrug mindestens 11 Stunden im Sommer und 9 Stunden im Winter, hinzu kamen die teils langen und kräftezehrenden Wege zu den Arbeitsstellen. In der Regel wurde von Montag bis Samstagabend gearbeitet. Der Einsatz im Steinbruch bedeutete Schwerstarbeit unter Lebensgefahr. Die Häftlinge mussten Steinblöcke von Hand oder mittels Sprengungen vom Fels spalten, danach zerkleinern und abtransportieren. Nahezu ohne Sicherheitsvorkehrungen wurde das größtmögliche Arbeitspensum verlangt und mit aller Brutalität durchgesetzt. Obwohl in den Steinbrüchen  permanent Mangel an Facharbeitern herrschte, wurden dort viele Häftlinge systematisch zu Tode geschunden. Verschärfte Strafarbeit und gezielte Mordaktionen waren an der Tagesordnung.

Häftlinge mit entsprechender Berufsausbildung waren oftmals in den lagereigenen Werkstätten wie in der Tischlerei, Schlosserei, Schneiderei, Schuhmacherei oder in den Magazinen tätig. Diese Arbeitsplätze waren sehr begehrt, weil vor der Witterung geschützt und physisch weitaus weniger anstrengend. Manchem Häftling wurde das Leben gerettet, weil wohlwollende Kameraden ihm einen Platz in einer der Werkstätten verschafften.

Gegen Ende 1943 wurde die Arbeit in den Steinbrüchen etwas zurückgefahren und die Mehrzahl der Häftlinge musste nun in Rüstungsbetrieben arbeiten. Die entsprechenden Unternehmen konnten Häftlinge als Arbeitskräfte gegen Entgelt bei der SS anfordern. Wurden ihnen diese genehmigt, so wurden im Regelfall direkt an der Produktionsstätte Außenlager für deren Unterbringung eingerichtet. Für die Verpflegung der Gefangenen mussten die Betriebe aufkommen. Aufgrund der zunehmenden alliierten Luftangriffe sollte ein Gutteil der Rüstungsproduktion unter Tage verlagert werden. Die Arbeitsbedingungen beim hierfür erforderlichen Stollenbau waren mörderisch. Die Überlebenszeit betrug oft nur Tage oder wenige Wochen.

Freizeit

Sonntagnachmittags hatten die Häftlinge in der Regel frei. Sie nutzten die Zeit, um ihre Kleidung zu flicken, Socken zu stopfen (sofern sie welche besaßen), sich zu rasieren und die Haare zu schneiden. Man besuchte sich in den Baracken oder ging auf dem Appellplatz spazieren. Nationale Gruppen entfalteten trotz Verbots ein relativ reges kulturelles Leben mit literarischen Rezitationen, kleinen Theateraufführungen und Gesangsdarbietungen. Bis September 1942 existierte eine aus acht Musikern bestehende "Zigeunerkapelle", später zwei Orchester. Unter den bis zu 60 Musikern im größeren Orchester waren manche in den großen Konzerthäusern aufgetreten, manche nur in der Dorfkapelle. Die Instrumente hatten die Häftlinge mitgebracht oder sie ließen sie sich von Angehörigen schicken, ebenso die Partituren. Die Instrumentalensembles spielten überwiegend sonntagnachmittags, bei gutem Wetter auf dem Appellplatz, bei schlechtem in einer Baracke, aber auch an Weihnachten oder Ostern. Musizieren mussten sie aber auch bei der Hinrichtung wiederergriffener Häftlinge, bei Geburtstagen höherer Häftlingsfunktionäre oder wenn ein Häftling entlassen wurde. Unter konspirativen Bedingungen und nur in kleinem Kreis wurden bei bestimmten Gelegenheiten auch revolutionäre und antifaschistische Lieder gespielt und gesungen.

Image
Spanische Häftlingsmannschaft. © KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Sammlung Mariano Constante
Spanische Häftlingsmannschaft. © KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Sammlung Mariano Constante

In den späteren Jahren fanden sogar Boxkämpfe und Fußballspiele statt. Am 20. Dezember 1942 war ein geheimer Erlass des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes an die Konzentrationslager ergangen, dass die Sterblichkeit der Lagerinsassen gesenkt werden müsse. Auf Anweisung Heinrich Himmlers sollte auch organisierter Sport hierfür eingesetzt werden. So durften sich in bestimmten Häftlingsgruppen nun Fußballmannschaften bilden, jüdische Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene blieben davon jedoch ausgeschlossen. Und anscheinend wurden auch Turniere ausgetragen. Es wird von Auswahlspielen und auch von eigens gefertigten Holzpokalen berichtet. Spanier, Deutsche, Tschechen, Polen, Ungarn und Jugoslawen stellten Mannschaften. Allerdings hatten nur Häftlinge der besseren Arbeitskommandos Kraftreserven für sportliche Betätigung.

 

 

Der Umgang mit den Kranken

Unzureichende Ernährung bei schwerster körperliche Arbeit zehrte die Häftlinge aus. Der Mangel an geeigneter Arbeitsausrüstung und -schutzmaßnahmen führte zu vielen Verletzungen. Die Überbelegung der Baracken und mangelnde Hygiene im Lager ließen immer wieder Seuchen wie Fleckfieber und Typhus ausbrechen und die ansteckende Tuberkulose war weit verbreitet. Bevor ein Häftling jedoch in eine der beiden Krankenunterkünfte (Revier und Sonderrevier) aufgenommen wurde, musste er bis Ende 1942 nach der Arbeit zunächst die im Reviergebäude befindliche Ambulanz aufsuchen.  Die meisten Kranken wurden dort mit Kohletabletten gegen Durchfall oder Schmerztabletten abgespeist oder gleich mit Schlägen verjagt. Auch kleinere Operationen, insbesondere Amputationen erfrorener Finger, wurden in der Ambulanz durchgeführt. Nur einem Bruchteil der Schwerkranken gelang die Aufnahme ins sogenannte Krankenrevier.
Die medizinische Versorgung war auch dort auf ein Minimum beschränkt: es gab kaum Medikamente, Operationen und Amputationen wurden ohne ausreichende Desinfizierung,  oft auch ohne Narkose, durchgeführt. Im Gegensatz zu den SS-Ärzten bemühten sich Häftlingsärzte und -pfleger aufopferungsvoll darum, ihre Patienten durchzubringen oder ihre Leiden zu lindern. Aber auch hier galt letztlich: nur wer über eigene Mittel und entsprechende Verbindungen verfügte, hatte gewisse Chancen an sonst nicht verfügbare Medikamente zu kommmen.

Die meisten der schwerkranken Häftlinge wurden im sogenannten Sonderrevier, seit März 1943 im Sanitätslager, untergebracht. Es befand sich außerhalb des eigentlichen Hauptlagers, bestand aus mehreren Holzbaracken und war von einem Starkstrom führenden Stacheldraht umgeben. Tausende wurden hier bei minimalen Essensrationen und weitgehend ohne medizinische Versorgung dem Sterben überlassen.

Immer wieder führten hier SS-Ärzte auch Selektionen durch, bei denen sie die "Heilbaren" von den "Unheilbaren" trennten. Letztere wurden später systematisch ermordet durch Giftinjektionen ins Herz, in der Gaskammer, indem man sie bei jeder Witterung nur notdürftig bekleidet im Hof stehen ließ oder sie ins Gelände führte und  dann "auf der Flucht" erschoss. Viele Kranke waren zuvor aus einem der mehr als 40 Außenlager als „arbeitsunfähig“ in das Stammlager Mauthausen rücküberstellt worden.

"Aktion 14f13"

Im Frühjahr 1941 veranlasste Reichsführer SS Heinrich Himmler die "Entlastung" der Konzentrationslager von "kranken" und "nicht mehr arbeitsfähigen" Häftlingen. Der Name für diese geplanten Morde war "Aktion 14f13". Zunächst erstellte der Lagerkommandant eine Vorauswahlliste mit in Frage kommenden Häftlingen aus den KZ Mauthausen und Gusen. Für diese wurden dann Meldebögen mit Diagnosen und Haftgründen erstellt. Ärztekommissionen begutachteten Meldebögen und Häftlinge und entschieden dann, ob sie der "Sonderbehandlung", sprich Ermordung, zugeführt werden sollten. Den ausgewählten Häftlingen wurde vorgetäuscht, sie kämen in ein Erholungslager mit leichterer Arbeit. Zunächst wurde dies geglaubt und es meldeten sich sogar Häftlinge freiwillig für die "Invalidentransporte". Bei dem "Genesungsheim" Schloss Hartheim bei Linz, wie es in den Transportlisten und Totenbüchern zur Tarnung genannt wurde, handelte es sich in Wahrheit um eine Tötungsanstalt, in der die Opfer meist unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer erstickt und ihre Leichen anschließend im Krematorium verbrannt wurden. Etwa 5.000 Gefangene aus den Lagern Mauthausen und Gusen wurden im Rahmen der "Aktion 14f13" im Schloss Hartheim getötet. Die Häftlingsschreiber mussten in den Totenbüchern gefälschte Sterbedaten eintragen, um zu verschleiern, dass Massentötungen vorlagen.

Neben KZ-Häftlingen wurden dort auch nicht mehr arbeitsfähige Zwangsarbeiter aus dem Osten, sowjetische Kriegsgefangene und ungarische Juden vergast. Mit dem letzten Häftlingstransport nach Hartheim am 11. Dezember 1944 endete die "Aktion 14f13". Die Gaskammern wurden entfernt und die Spuren ihrer Nutzung so weit wie möglich beseitigt. In der Folgezeit wurde das Schloss als Kinderheim genutzt.

Medizinische Menschenversuche

Viele SS-Ärzte sahen in den Häftlingen ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an menschlichem Versuchsmaterial, mit welchem sie ihre medizinischen Kenntnisse erweitern und ihre pseudowissenschaftlichen Ambitionen befriedigen konnten. Sie experimentierten mit Gesunden wie mit Kranken, und keiner der ausgewählten Probanden hatte die Möglichkeit, sich den Eingriffen zu entziehen. Viele Versuche bedeuteten für die Betroffenen große Qualen, manche führten zu schweren Verletzungen, irreparablen Schäden und viele zum Tod.

Der Lagerarzt Dr. Hermann Richter beispielsweise entfernte bei gesunden Menschen innere Organe wie Magen, Leber, Nieren oder Teile des Gehirns, um festzustellen wie lange die Versuchsobjekte ohne diese Organe leben konnten. Der Gusener Lagerarzt Dr. Helmut Vetter testete im Auftrag des Unternehmens I.G. Farben deren neuentwickelte Medikamente. An kastrierten Häftlingen wurden Hormonbehandlungen ausprobiert, die für alle tödlich endeten. Ernährungsversuche sollten zeigen, wie weit die Nahrung noch reduziert werden konnte beziehungsweise durch welche Stoffe (z.B. Sägemehl) die wertvolleren Bestandteile ersetzt werden könnten. Um Impfstoffe zu testen, injizierte man den Probanden Typhus-, Cholera- und Tbc-Erreger. Bei einem Großversuch im April 1943 mit Vierfachimpfstoffen starb mindestens die Hälfte der 500 Versuchspersonen.  Waren die Versuche abgeschlossen, wurden die Überlebenden oftmals mit Spritzen oder Gas ermordet.

"Sonderbehandlung": erschießen und vergasen

Zunächst wurden im Lager Mauthausen die Erschießungen von einem Exekutionskommando der SS auf der Hinrichtungsstätte gegenüber der Baracke 20 vollzogen. Ende 1941 wurde im Keller des Krematoriums eine Genickschussanlage installiert. Bis zu 30 Menschen konnten hier in einer Stunde getötet werden.

Im Herbst 1941 war mit dem Bau einer Gaskammer begonnen worden und im März 1942 fanden die ersten Mordaktionen durch Gas an sowjetischen Kriegsgefangenen statt. Eigens dafür abgestellte Gestapo-Kommandos sonderten in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht immer wieder größere Gruppen ihnen politisch suspekter Soldaten und Offiziere aus und überstellten sie zur Liquidierung in Konzentrationslager, viele davon nach Mauthausen. Neben sowjetischen Kriegsgefangenen wurden in der Gaskammer auch immer wieder größere nationale Gruppen, die gegen die deutsche Besatzung Widerstand geleistet hatten, ermordet (z.B. 214 tschechische Frauen und Männer am 10. April 1945). Die letzte Vergasung fand am 28. April 1945 statt. Bis zur Befreiung starben mindestens 3.500 Gefangene in diesem Raum einen qualvollen Tod.

Ebenfalls im Herbst 1941 musste in der Lagerschlosserei ein LKW zum Gaswagen umgerüstet werden, um zusätzliche Vernichtungskapazitäten zu schaffen. Ab Frühjahr 1942 wurde ein vom Reichssicherheitshauptamt gelieferter Gaswagen eingesetzt. Im Gaswagen wurden vor allem arbeitsunfähig gewordene, schwache und kranke Häftlinge mit Kohlenmonoxid getötet. Der Wagen fuhr mit jeweils etwa 30 Häftlingen ins fünf  Kilometer entfernte Lager Gusen und wieder zurück. Nach Zeugenaussagen wurden insgesamt circa 40 Fahrten durchgeführt.

Wahrscheinlich weniger planmäßig, aber dennoch für viele Häftlinge den Tod bedeutend war der Stoß von der 50 Meter hohen, fast senkrechten Felswand, im SS-Jargon zynisch "Fallschirmspringerwand" genannt, die den Steinbruch "Wiener Graben" umgab. Heute steht am Fuß der „Fallschirmspringerwand“ eine Tafel mit folgender Inschrift:

„Diese steile Wand im Steinbruch wurden viele hunderte Häftlinge hinuntergeworfen. Sie zerschellten am Fuße der Wand oder ertranken in den tiefen Wassertümpeln. Oft stürzten sich auch Häftlinge, die die Qualen nicht mehr aushalten konnten diese Wand hinunter. Die SS nannte diese Todgeweihten mit grausigem Scherz ‚Fallschirmspringer‘. Die erste Gruppe niederländische Juden, die im Sommer 1942 nach Mauthausen kam, wurde von der SS diese Wand hinuntergeschleudert.“

 


Quellen und Literatur

 

Mauthausen Memorial https://www.mauthausen-memorial.org

Gedenkstätte Mauthausen Mauthausen Memorial 2011 | Forschung
Überblick über medizinische Experimente im KZ-Komplex Mauthausen-Gusen

Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. 3. Auflage, Wien 1995.

 

© Text und Recherche:
Sigrid Brüggemann, Stuttgart
Stand: März 2022
www.kz-mauthausen-bw.de